Ökologie, Globalisierung, Finanzierung

Die Nachrichten werden seit dem 11.03.2011, als ein Erdbeben in Japan das Atomkraftwerk in Fukushima beschädigte, durch schreckliche und traurige Bilder beherrscht. Für viele Menschen hat dies ihre Vorbehalte gegen die Atomkraft bestätigt.

Um den Anteil der Atomkraft am Energie-Mix deutlich zu reduzieren, ist eine weitere Stärkung der erneuerbaren Energien in allen diskutierten Konzepten vorgesehen. Mittlerweile mehren sich die Stimmen, die auch die Verwendung von Kohle als Energiequelle, als nicht zukunftsweisend befinden. Und eines ist sicher: Fossile Energieträger werden immer knapper, gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Energie. Hinzu kommt der klimaschädliche CO2 Ausstoß bei der Energiegewinnung beispielsweise durch Kohlekraftwerke, den es zu reduzieren gilt.

Das DESERTEC-Konzept sieht sich hier als eine umfassende Antwort auf die Frage der zukünftigen Energieversorgung. Die Projektverantwortlichen versprechen eine Übertragung von in afrikanischen Wüstenregionen solarthermisch erzeugtem Strom in den EUMENA-Raum (Europa, Mittlerer Osten und Nordafrika). Dabei sollen die afrikanischen Regionen gleichzeitig durch Hilfen in anderen Bereichen profitieren und an den wirtschaftlichen Potentialen der Energieverwendung teilhaben.

Natürlich ruft ein solches Projekt auch kritische Stimmen hervor und so gilt es beim Großprojekt DESERTEC zahlreiche gesellschaftliche, ökologische, wirtschaftliche und finanzielle Herausforderungen zu meistern. Dabei müssen unterschiedliche Interessen berücksichtigt werden. Natürlich gibt es hierbei verschiedene Meinungen, die sich zum Teil widersprechen, und auch die Lösungsvorschläge variieren. Die Umsetzung des DESERTEC-Konzepts steht damit vor einer Reihe von Herausforderungen:

Herausforderung: Finanzierung

Die Kosten des gesamten DESERTEC-Projekts werden auf 400 Milliarden Euro geschätzt. Diese Summe soll bis zum Jahr 2050 in den Bau von solarthermischen Kraftwerken und Gleichstromleitungen nach Europa investiert werden.

Dabei geht man davon aus, dass die Investitionen wirtschaftlich sind, da in Deutschland die Sonne nicht so häufig und nicht so intensiv wie in den Wüstengebieten Nordafrikas oder des Nahen Ostens scheint. Deswegen ist es auch rentabel den Strom, trotz der Verluste, nach Europa zu schicken. Auch gegenüber konventionellen Energieformen hat der Solarstrom aus der Wüste auf lange Sicht die Nase vorne. Zum einen wird der Preis bei fossilen Brennstoffen über kurz oder lang steigen, da diese Rohstoffe immer knapper werden - auch wenn bei steigenden Preisen Lager erschlossen werden können, die sich jetzt noch nicht wirtschaftlich abbauen lassen. Zum anderen sind in dem Preis für Kohle, Öl, Gas und auch Atomkraft die Kosten für Umweltschäden und CO2-Verschmutzung nicht ausreichend enthalten.

Die Kosten des DESERTEC-Konzepts sollen dabei von privaten Investoren getragen werden. Doch auch auf staatliche Hilfen sind die Investoren angewiesen - gerade zum Überwinden der bestehenden Finanzierungshürden, vor denen ein solches Mamutprojekt immer steht. Hierdurch können auch auf den Steuerzahler finanzielle Belastungen zukommen.

Der (vorläufige) Nachteil aller alternativen Energien ist außerdem ihr heutiger Preis. Viele Windkraftparks, Photovoltaikanlagen und Biomassekraftwerke würden sich bislang, ohne das bestehende staatliche Förderumfeld, für deren Betreiber nicht rechnen.

Auf lange Sicht jedoch könnte der Preis sinken, da Abläufe standardisiert werden. Bei höheren Stückzahlen, zum Beispiel der Spiegel, würden die Stückkosten sinken und durch weitere Forschung der Wirkungsgrad der Kraftwerke zunehmen und die Leitungsverluste abnehmen.

Herausforderung: Profitiert Deutschland?

Deutschland kann auf vielfältige Art und Weise vom DESERTEC-Konzept profitieren. Das technische Know-How kommt zu einem großen Teil aus Deutschland, das führend im Bereich der Entwicklung von Technologien für Solarthermiekraftwerke ist. Hier arbeiten viele Ingenieure an der Umsetzung der notwendigen Technik und der Herstellung der Kraftwerkskomponenten. High-Tech-Produkte, wie z.B. die Receiver, werden von deutschen Firmen, wie Schott Solar in Mainz, hergestellt und weiterentwickelt. Die größere Nachfrage nach diesen Technologien führt zu einer Ausweitung der Produktion und damit langfristig auch zur Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Außerhalb Deutschlands werden Arbeitsplätze durch den Bau von Kraftwerken und deren Instandhaltung und Wartung geschaffen, denn dies erfordert Wissen, das derzeit gerade deutsche Ingenieure und Firmen haben.

Neben wirtschaftlichen Interessen ist es gerade das Grundkonzept DESERTECS, von dem Deutschland profitiert. Der in Nordafrika gewonnene Strom soll in den europäischen Raum geleitet werden. Der Strom aus der Sahara kann dann dazu genutzt werden Deutschlands Abhängigkeit von Strom aus Atomkraft und fossilen Brennstoffen zu reduzieren und die „Energiewende”, weg von Atomkraft und hin zu erneuerbaren Energien, zu beschleunigen. Deutschlands „Nachteil” – Sonne und Wind sind hierzulande nicht immer vorhanden – kann damit ausgeglichen werden.

Herausforderung: Kosten und Nutzen für die Umwelt

Der Nutzen des DESERTEC-Projekts für die Umwelt liegt auf der Hand: Strom, der aus erneuerbaren Energien produziert wird, wie es bei der Solarthermie der Fall ist, gibt bei der Erzeugung keine Emissionen, wie CO2 an die Athmosphäre ab. Auch entsteht kein strahlender Atommüll, wie bei der Atomkraft. So wird „sauberer” Strom produziert, der die Energiebilanz von jedem teilnehmenden Land verbessert. Und dass es nicht weitergehen kann wie bisher, sieht man an den Problemen, die konventionelle Kraftwerke aufwerfen, so zum Beispiel die Schadstoffemissionen, die den Klimawandel beschleunigen und den Atommüll, für den man immer noch verlässliche Endlager sucht. So könnte mit dem DESERTEC-Projekt diesen beiden Faktoren entgegengewirkt werden.

Ein Problem, das die Umwelt belastet, sind die erforderlichen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen. Aus technischer und wirtschaftlicher Sicht sind sie die bestmögliche Lösung, sie bedeuten jedoch auch einen großen Eingriff in die Natur. So gibt es auch in Deutschland Widerstand gegen den Bau dieser Leitungen. Die Leitungen können Vögel bei ihrem Flug behindern, Tiere im Erdreich sind von dem Bau ebenso betroffen, wie Bäume, die unter Umständen gefällt werden müssten.

Herausforderung: Eingriff in den Lebensraum „Wüste”

Eine besondere Herausforderung bei der Umsetzung des DESERTEC-Konzepts stellt der immense Eingriff in den Lebensraum der Nomaden dar. Was nun, wenn eines dieser Kraftwerke auf den Landbesitz eines Nomaden fällt? Muss er „sein Gebiet” verlassen, oder kann er auf diesem weiterhin wohnen, da für ihn, wie für alle anderen Menschen auch, Menschenrechte, wie zum Beispiel das Wohnrecht, gelten? Natürlich bietet sich hier an, den Menschen Arbeitsverhältnisse anzubieten. Allerdings widersprechen solche Lösungen den Lebensgewohnheiten dieser Menschen. Am Ende werden die Projektbetreiber gemeinsam mit Vertretern der Nomaden eine Strategie entwickeln müssen, damit deren Lebensraum nicht zu sehr eingegrenzt wird.

Herausforderung: Nordafrika eine Perspektive geben

Das DESERTEC-Konzept wird bei einer erfolgreichen Umsetzung vor Ort, für viele Arbeitsplätze für nordafrikanische Bewohner sorgen können - nicht nur beim Bau der Anlagen, sondern auch langfristig bei deren Betreibung, Wartung etc. Es kämen zum Beispiel deutsche Ingenieure nach Marokko, die den einheimischen Arbeitern ihr Wissen weitergeben würden. Dieser Wissenstransfer ist eine wichtige Voraussetzung für die Qualifikation der Menschen in Nordafrika und sichert nachhaltige Arbeitsplätze auch über das Projekt hinaus. Mit der Umsetzung steigt zudem der Anteil, der im eigenen Land gewonnenen Energie am Energie-Mix. Einige Länder dieser Region müssen einen sehr hohen Anteil ihrer Energie importieren. Das DESERTERC-Konzept sieht vor, dass erst die Region mit Strom versorgt wird. Deshalb meint die Energieministerin Marokkos Amina Benkhadra: „ Wenn gesagt würde, wir bringen unsere eigene Technik mit, produzieren bei euch Strom und exportieren den wieder, dann wäre das nicht im Interesse Marokkos.” So kann aber die Wirtschaft dieser Länder profitieren und es kann zur einer Modernisierung dieser kommen, was zur Verbesserungen der Lebensqualität der Menschen beitragen kann. So sagt Benkhadra: „Das Solarprojekt soll auch ein Hebel für mehr Wachstum sein. Wir wollen deshalb soweit wie möglich an der gesamten Wertschöpfungskette teilhaben.”

Eines der größten Probleme in der Wüste ist es noch immer, Trinkwasser zu erhalten. Durch den Bau des Solarkraftwerkes sollen auch Meerwasserentsalzungsanlagen geschaffen werden. Das hieraus entstandene Wasser könnte auch den Menschen vor Ort als sauberes Trinkwasser zur Verfügung stehen.

Herausforderung: Sicherung der Stromversorgung

Beim Bau neuer Kraftwerke stellt sich immer die Frage, wie sicher diese sind und was zu deren Schutz erforderlich ist. Langfristig soll der Wüstenstrom 20 Prozent des deutschen Strombedarfs decken. Für den Fall, dass diese Menge ausfallen sollte, ist in der Tat ein Sicherungssystem mit entsprechenden Zusatzkapazitäten einzusetzen. Dabei muss genau wie bei der derzeitigen Stromversorgung darauf geachtet werden, dass stets entsprechende Ausgleiche vorhanden sind. Solche Backup-Kapazitäten können kurzzeitig durch andere Kraftwerkstypen bereit gestellt werden. Auch heute gibt es dafür einen „Stromüberfluss” in Deutschland. Das heißt, dass mehr Strom produziert als verbraucht wird, damit es bei Stromausfällen (zum Beispiel in den letzten Jahren im Sommer, wenn die Atomkraftwerke zum Teil ausgeschaltet wurden) nicht zu Engpässen kommen kann.

Solarkraftwerke können zum einen durch Naturkatastrophen, wie z.B. Sandstürme, beschädigt werden, zum anderen drängt sich wegen der Ereignisse der Vergangenheit gerade die Frage auf, wie sicher sind die Kraftwerke im Falle von terroristischen Anschlägen. Dabei muss aber berücksichtigt werden, dass auch Atomkraftwerke in Deutschland nur gering gegen beispielsweise Luftangriffe gesichert sind. Zudem wäre der Schaden, der an einem solarthermischen Kraftwerk entstehen könnte weit geringer als der an einem Atomkraftwerk, bei letzterem hätte dies durch die Radioaktivität schreckliche Konsequenzen für die gesamte Umgebung und nicht lediglich Schwierigkeiten bei der Energieversorgung zur Folge.

Herausforderung: Demokratischer Aufbruch in nordafrikanischen Ländern

Ist es nicht vielleicht ein wenig zu riskant in Nordafrika zum jetzigen Zeitpunkt ein solches Kraftwerk zu bauen? Hört man doch von Revolutionen gerade in diesen Ländern. Was passiert, wenn sich die Revolutionären sich gegen das DESERTEC-Konzept stellen? Hätte das dann Auswirkungen auf Deutschland?

Von solchen Unruhen wäre Deutschland sicherlich betroffen, aber das Problem der Abhängigkeit ist nicht neu. Denn momentan ist man ebenfalls abhängig, beispielsweise von Öl und Kohle. Auch die Länder, aus denen wir diese Rohstoffe importieren, können Deutschland „den Hahn zu drehen”. Unabhängig von Ländern wären wir letztlich nur dann, wenn unser Strom zu 100 Prozent aus Deutschland käme. Und unabhängig von Rohstoffen wären wir letztlich nur dann, wenn unser Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energieformen entstehen würde.

Es stellt sich außerdem die Frage, ob eine Abhängigkeit von anderen Ländern nicht der Abhängigkeit von zur Neige gehenden Rohstoffen vorzuziehen ist. Denn hier gibt es keine Verhandlungsmöglichkeiten.

Quellen:

Seine köngliche Hohheit Prinz Hassan bin Talal, Klaus Töpfer, Anders Wijkman et al. Clean Power from Deserts - The DESERTEC Concept for Energy, Water and Climate Security. Hamburg: 2007.
Projekt Desertec: Fata Morgana in der Sahara. In: Öko Test Spezial Umwelt & Energie. 2010, S. 64-67.
http://www.desertec.org/en/concept/questions-answers/ (11.12.2010)
http://www.welt.de/die-welt/wirtschaft/article8628060/Marokko-startet-Projekt-Wuestenstrom.html (11.12.2010)
http://www.wupperinst.org/uploads/tx_wiprojekt/Chancen_Verbreitung_CSP.pdf (11.12.2010)
http://www.desertec.org/fileadmin/downloads/DESERTEC-WhiteBook_en_small.pd (11.12.2010)
http://www.euractiv.de/energie-klima-und-umwelt/artikel/desertec-sucht-politische-untersttzung-002746 (15.12.2010)
http://idw-online.de/pages/de/news348323 (15.12.2010)
http://www.hna.de/nachrichten/wirtschaft-finanzen/desertec-erster-strombereits-fuenf-jahren-841711.html (15.12.2010)
http://www.fr-online.de/wirtschaft/energie/2015-koennte-wuestenstrom-fliessen/-/1473634/4682056/-/index.html (15.12.2010)
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/desertec-projekt-energieexpertin-prophezeit-billigstrom-aus-der-wueste;2615922 (05.01.2010)
http://www.zeit.de/online/2009/30/desertec-nabucco (05.01.2011)
http://www.spiegel.de/thema/desertec/ (05.01.2011)
http://www.zeit.de/online/2009/29/desertec-mittelmeerunion (19.01.2011)
http://www.stromvergleich.de/stromnachrichten/3458-europaeische-finanzierungsloesung-fuer-desertec-14-2-2011 (19.01.2011)
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wuestenstromprojekt-desertec-haelt-die-hand-auf-1.1010510 (19.01.2011)
http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/desertec-zeitplan-fuer-strom-aus-afrika-steht/3218716.html (19.01.2011)
http://www.affilipower.de/startseite/geldberg.jpg (17.01.2011)